Jun
26
2010
“They had it coming.”
Author: MartinAuch wenn ich nun nicht mehr in Deutschland wohne, lese ich doch weiterhin ausgiebig meine beiden deutschen Nachrichtenquellen zeit.de und tagesschau.de. Man will ja informiert bleiben, auch aus der Ferne.
Nun brachte mich aber heute Morgen wieder einmal eine Überschrift auf die Palme: Schwarz-Gelb will hohe Einkommen stärker belasten
In dem Artikel lese ich, dass sich in Deutschland wohl mal wieder eine Debatte um die Anhebung des Spitzensteuersatzes zu entwickeln scheint. Die SPD in Form von Sigmar Gabriel und Carsten Schneider wünscht sich einen Spitzensteuersatz von 50 Prozent, der bei etwa 80.000 Euro Jahreseinkommen greifen soll. Auch die FDP in Form von Frau Leutheusser-Schnarrenberger scheint nicht mehr dagegen zu sein, da ist von “Umverteilung” die Rede, um die mittleren und niedrigen Einkommen des Landes zu entlasten und nur Jörg Bode rettet mein Ansehen der FDP indem er sagt, dass eine Anhebung des Spitzensteuersatzes in seiner Fraktion keine Mehrheit fände.
Nun geht es mir mit diesem Blogeintrag nur am Rande um die irrsinnige Idee, die Hälfte des Einkommens eines “Spitzenverdieners” durch die Einkommensteuer abzunehmen. Zusätzlich zu all den anderen Steuern wie Gewerbesteuer, Mehrwertsteuer, Mineralöl- und Ökosteuer oder Grundsteuer und vermutlich bald noch eine höhere Finanzmarktsteuer liegt dann die gesamte Steuerbelastung bei weit über zwei Dritteln des Einkommens. Die Kaufkraft für Waren, eine Grundlage des in Deutschland herrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystems, liegt dann nur noch bei 25 bis 30% des gesamten Einkommens. – Und da haben sich die Leibeigenen des Mittelalters über das Zehnt beschwert…
Worum es mir eigentlich geht, ist die gefühlte Beobachtung, dass ich seit über einem Jahr nur noch lese, dass sich der deutsche Staat Gedanken macht, wie er an noch mehr Geld kommt. Ich lese nichts mehr über ernst gemeinte Reformen des Gesundheitssystems. Ich lese auch nichts mehr über Kindergartenplätze, Straßenbau, über Umwelt- und Energiefragen. Und natürlich lese ich erst recht nichts darüber, dass sich der Staat ernsthaft (und nicht nur Augenwischereien wie das Herunterskalieren eines Berliner Stadtschlosses) Gedanken macht, wie er seine eigenen Ausgaben in den Griff bekommt. Was ich lese sind immer noch mehr Ausgaben, Bürgschaften, Kredite, Subventionen und dergleichen.
In meinen Augen hat der deutsche Staat mit den Jahren vergessen, was seine Aufgabe ist. Die Aufgaben des Staates sind nach meiner Überzeugung die Sicherung der inneren und äußeren Sicherheit, der Verhinderung von Ungleichbehandlungen im Volk, sowohl privat als auch wirtschaftlich, und der Gerichtsbarkeiten.
Es ist nicht die Aufgabe des Staates für Subventionen zu sorgen. Wenn zum Beispiel ein Milchbauer in Frankreich seine Milch nicht kosteneffizient genug herstellen kann, dann muss eben die Milch teurer oder woanders gekauft werden. Hierzulande kostet der Liter Milch umgerechnet etwa 77 Euro-Cent (3,59 $ pro Gallone). In Deutschland ebenfalls. Hier wird die Milch nicht subventioniert, in Europa schon. Irgendetwas läuft dort also falsch. Und genauso verhält es sich mit Käse, Butter und anderen Milchprodukten.
Die Postfilialen sehen hier nicht aus als wollten sie Designerpreise gewinnen, sondern sind dunkle, einfach eingerichtete Ladenlokale mit trotzdem gut gelaunten Mitarbeitern, die einfach nur ihren Job machen. Hier kostet ein nationaler Brief bis 25 Gramm Gewicht umgerechnet 36 Euro-Cent, in Deutschland 55 Cent. Ein internationaler Brief kostet hier umgerechnet 79 Euro-Cent, in Deutschland 1,70 Euro. Auch hier läuft also etwas falsch.
Busfahrten: Hier sind die Busse vergleichsweise alt. Sie sind aber gepflegt und machen ihren Dienst, bringen einen von A nach B. In Deutschland wird hingegen heutzutage kein Bus mehr älter als zehn Jahre. Der öffentliche Nahverkehr ist eine Einrichtung der Gemeinden sowohl in Deutschland als auch hier. In Deutschland fällt für eine einfache innerstädtische Fahrt, zumindest im Köln-Bonner Raum, 2,40 Euro an. Und das ist nur in eine Fahrtrichtung, wenn man wieder zurück will kostet die Fahrt noch einmal 2,40. Hier in San Francisco, einer der teuersten Städte in den USA, kostet eine Busfahrt umgerechnet 1,41 Euro. Und dieses Busticket gilt so lange, wie der Fahrer es abreisst. (Zur Erklärung: Die so genannten “Transfers” haben Zeitspannen aufgedruckt. Je nach dem, an welcher Stelle sie durchgerissen werden, gelten sie entsprechend bis zur durch den Riss markierten Uhrzeit.) Meistens reissen die Fahrer es so ungenau ab, das man manchmal bis zu vier Stunden lang mit dem Transfer weiter fahren kann. In jede Richtung, die man will. Auch hier läuft also in Deutschland etwas gewaltig falsch.
Ämter sehen hier teilweise aus als hätten sie seit 1965 keine Renovierung mehr bekommen. Manche Amtsbuden sind sogar so alt, dass sie schon wieder als “vintage” gelten und man stolz auf die alte Einrichtung von 1920 ist. Die “Beamten” (gibt es hier ja nicht, sind alles Angestellte im öffentlichen Dienst) sind trotzdem freundlich, gut gelaunt und helfen einem an sein Ziel. In Deutschland genießt der Beamtenstand einen weltweit wohl einzigartigen Status der Unbeschwertheit und hat wohl deshalb auch keine Motivation, gute oder gar freundliche Arbeit zu leisten.
Die Straßenkehrer fahren hier in der Innenstadt alle zwei bis drei Tage die Straßen und Gehwege ab, die Müllabfuhr kommt wöchentlich und fast alle Amtsgänge (mit Ausnahme von Angelegenheiten Firmen betreffend) sind kostenlos.
Ich könnte mit den Beispielen noch seitenweise fortfahren.
Was ich sagen will ist NICHT dass hier alles besser sei. Ganz und gar nicht. Auch hier gibt es genügend Dinge, die dringend überarbeitet werden müssten. Ein TÜV wäre zum Beispiel eine praktische Einrichtung. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, das man hier nicht so viel Wert auf das Drum Herum legt als auf eine gute und angemessene Leistung. Man spart hier an Dingen, die nicht notwendig sind um den Geschäftsverkehr am Laufen zu halten, muss dafür aber auch nicht so viel Geld (und Steuern) verlangen.
Zum Beispiel habe ich vor einigen Wochen erfahren, dass ich scheinbar pauschal 15% meines gesamten weltweiten Einkommens in Deutschland versteuern muss, auch wenn ich dort keinen Wohnsitz mehr habe, solange ich in Deutschland ein Einkommen habe, was durch meine deutsche Firma ja der Fall ist. Ich habe keinerlei Dinge mehr mit deutschen Ämtern zu tun, die Geld kosten würden, wenn man davon ausgeht, dass meine Gewerbesteuerabgaben in Deutschland die Finanzämter in ausreichendem Maße für Ihren Aufwand, den sie durch mich haben, entschädigt. Ich nutze keine deutschen Straßen, keine Bahnen, anderen Ämter, keine Kindergärten und Schulen, keine Müllabfuhr und keine Straßenreinigung. Alles, was bei mir anfällt, ist in acht Jahren ein neuer Pass, und der wird wohl nicht mehr benötigt, weil ich bis dahin hoffentlich die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen haben werde. 15% meines weltweiten Einkommens – für null Gegenleistung. Das ist, wie die Bild sagen würde, Abzocke. Der einzige Lichtblick dabei ist, dass die Amerikaner kulant genug sind, mir diese deutsche Steuerlast bei der hiesigen anrechnen zu lassen. Aber dafür haben die weniger von dem Geld, das ihnen meiner Meinung nach zusteht, denn hier benötige ich die Straßen, Straßenreinigung, Müllabfuhr, Ämter und alles andere.
Und da wundert sich Deutschland noch, warum eine große Menge hochausgebildeter Menschen und damit Fachkräfte abwandern? Wie die Amis sagen würden: “They had it coming.” – Die haben es nicht anders verdient.
