Das ist meine neue Lieblingsbeschäftigung für die Momente zwischendurch: Bammel haben.
Ich sage nicht, dass ich unsere Pläne für undurchführbar halte und Angst hätte, dass wir das nicht hinbekommen. Es ist mehr so das Gefühl, das man am Tag vor der Hochzeit hat. (Sagt man zumindest, ich hatte vor meiner Hochzeit keinen Bammel. Beide male nicht.)
Was die Problemlösung angeht, bin ich durch und durch Informatiker. Ich muss alle nur erdenklichen Probleme, egal wie abwegig diese sein mögen, im Voraus erkennen, durchdenken und lösen. Auf diese Weise kann man in der Informatik seine Programmierungen und Problemlösungswege bereits vom ersten Schritt an zielgerichtet und optimiert durchführen und erlebt viel weniger Überraschungen bei der Durchführung. Das geht nun aber leider nicht, wenn man auswandern möchte. Ein beachtlicher Teil dessen, ob die Auswanderung funktioniert oder nicht, sieht man halt nun eben erst dann, wenn es so weit ist.
Zum Beispiel haben wir ja nun die zeitlich unbeschränkt gültige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, und das ist mehr, als viele andere Auswanderer behaupten können. Dieser wichtige Part ist also kein Problem mehr für uns. Wir brauchen nicht jedes Jahr um eine Verlängerung des Visums bangen, so lange wir uns an die Gesetze halten und brave US-Bürger sind, unsere Steuern pünktlich bezahlen und ich keine Vielweiberei anfange. Allerdings war ich mein ganzes Leben lang zum Beispiel immer selbständig, mein eigener Boss und für mich und meinen beruflichen Erfolg selbst verantwortlich. Nun, bis auf die Ausnahme meines 14-monatigen Praktikums und einer sechs Wochen dauernden Festanstellung. In den USA wird das aber vermutlich nicht mehr gehen. Dort werde ich mich anfangs bei einer Firma anstellen lassen müssen, weil mir das nötige Kapital zur Überbrückung der Zeit fehlt, die ich brauchen würde, um dort einen neuen Kundenstamm aufzubauen. Erst recht in einer so teuren Stadt wie San Francisco.
Nun habe ich aber ein ausgewachsenes Problem mit Autoritäten. Das hat mir meine Zivildienstzeit schon recht schwierig gemacht, ganz zu schweigen von der Schule, der Feuerwehr, dem Ministrantendienst oder meiner überschaubaren Zeit in den Festanstellungen. Werde ich mich so weit in den Griff bekommen, auch mit einem “blöden” Chef zurecht zu kommen? – Für viele mag diese Frage banal wirken, aber für einen freiheitsbedürftigen Dickschädel wie mich ist das eine ernstzunehmende Sache.
Dazu habe ich noch einen Beruf, der nicht gerade sehr gängig ist. Ich bin kein Pizzabäcker, Mathenachhilfelehrer, Chemiker oder Journalist, der sich mal eben bei einigen dutzend Firmen bewerben könnte. Ich bin 3D-Artist mit einer Spezialisierung auf die Programmierung von 3D-Echtzeit-Engines. Das ist ein wenig so wie ein Raketenwissenschaftler zu sein – vor der Industrialisierung. Ich habe also absolut keine Ahnung, bei wem, wie und für was ich mich bewerben soll.
Ich schreibe zwar im Moment an einem Konzept für eine Software, die mir genügend Geld einbringen würde um in San Francisco einen eigenen kleinen Laden mit ein paar Angestellten aufbauen zu können. Allerdings steht noch in den Sternen, ob die Vermarktung dieser Software überhaupt funktionieren wird. Das ist im Moment absolut noch nicht absehbar. Und wenn es funktioniert, dann wird sich das auch noch mindestens ein Jahr hin ziehen, bis ich das mit Gewissheit wissen kann. Noch so eine unplanbare Unbekannte.
Ein paar weitere Punkte sind, in unsortierter Reihenfolge: Werden wir in den USofA (das U-Sofa ™) Anschluss finden oder vergammeln und vereinsamen? Werden die Katzen den Umzug überstehen? Wird die Ehe diese krassen Veränderungen überleben? Werden wir eine bezahlbare Wohnung finden, die wenigstens groß genug ist, dass man sich mit der Zeit nicht gegenseitig auf die Nerven geht? Werde ich von Deutschland aus einen Job finden, oder muss ich dazu schon da hin gezogen sein – wegen ständigen Bewerbungsgesprächsterminen, etc.? Wird es wirklich nach San Francisco gehen oder vielleicht doch nach New England? Wird uns unser kleines finanzielles Polster reichen, oder werden wir uns mit der Auswanderung total übernehmen? Und so weiter…
Ich suche im Moment nicht nach Antworten auf diese Fragen. Die Lösungen werden alle kommen, wenn es so weit ist. Ich wollte nur mal in diesem seltenen Moment mitteilen, wie es zur Zeit in mir drin aussieht. Genießt das bitte, morgen bin ich wieder verschlossener.
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