…oder: Die Milchmädchen-Reform
Anders als in Deutschland sind in Kalifornien sind die Studiengebühren ziemlich hoch. Ein Undergraduate-Studiengang an einer der öffentlichen Universitäten (UC = University of California, ein zusammenhängendes System an weltweit sehr hoch angesehenen und deshalb (viel zu) gut besuchten Unis, zu denen auch Stanford (in Palo Alto, CA) und Berkeley gehören) kostet im laufenden Jahr für einen aus Kalifornien stammenden Studenten 12.192 US-Dollar an Studiengebühr. Das ist der Betrag für ein Jahr und ist ohne Krankenversicherung, ohne Unterkunft, ohne Verpflegung und ohne Lernmaterialien. Die meisten Studiengänge dauern vier Jahre, entsprechend stünden 48.768 Dollar für Studiengebühren zu Buche. Studenten deren Eltern ein Jahreseinkommen von unter 80.000 Dollar erwirtschaften haben einen Anspruch auf ein staatliches Studenten-Darlehen, das später zurück gezahlt werden muss, ähnlich dem deutschen BAföG.
Eine Gruppe von Studenten hat deshalb der Verwaltung der UC Riverside (University of California in Riverside in Süd-Kalifornien) eine neue Finanzierungsstrategie zur Reformierung der Studiengebühren vorgeschlafen.
Nach der Idee der Gruppe würde man während des Studiums keine Studiengebühren mehr bezahlen. Statt dessen würden alle Studenten für die ersten zwanzig Berufsjahre nach dem Studium pauschal fünf Prozent ihres Einkommens an die Universitäten zahlen. So soll sich der finanzielle Druck auf die Familien und Studenten während des Studiums massiv verringern (und entsprechend zu besseren Lernergebnissen führen) und der Universität im Gegenzug zu einer erheblichen Steigerung bei den Einnahmen verhelfen.
Rechnerisch funktioniert das wie folgt: Das durchschnittliche Anfangsgehalt eines Graduierten dieser Universitäten ist 46.356, also aufgerundet etwa 50.000 Dollar. Studenten, die mit ihrer Arbeit nie über diese Grenze hinaus kommen sollten würden somit pro Jahr 2.500 Dollar ihres Gehalts an die Uni überweisen müssen. Auf die zwanzig Jahre gerechnet käme das auf 50.000 Dollar, etwas mehr also als die Gebühr von 48.768 Dollar, die eigentlich angefallen wäre.
Allerdings steigert sich das Jahreseinkommen der meisten Abgänger mit den ersten Jahren an Berufserfahrung schnell auf etwa 100.000 Dollar, wobei dann jährlich 5.000 Dollar anfallen würden, oder ca. 100.000 Dollar verteilt auf zwanzig Jahre.
Die Studentengruppe, die den Vorschlag unterbreitet hatte, will mit ihren Berechnungen bewiesen haben, dass, wenn man die Inflation und Einkommenssteigerung mit einrechnet, die Universitäten auf diese Art mit einer Verdoppelung des Gebührenaufkommens rechnen kann.
So weit die Theorie des Vorschlags.
Der Kanzler der UC Riverside scheint dieser Idee jedenfalls nicht abgeneigt zu sein und hat seinen Stellvertreter damit beauftragt, mehrere Situationen und Konstellationen durchzurechnen. Sollten sich die Zahlen der Studentengruppe als tragbar herausstellen will er den Vorschlag der Versammlung der Kanzler aller Universitäten von Kalifornien unterbreiten.
Ich persönlich finde die Idee beachtenswert, wenn auch problematisch. Der Entlastungseffekt während des Studiums ist nicht zu verachten, müssen doch viele Studenten gerade aus den ärmeren Familien neben dem Studium noch erhebliche Arbeitsleistungen erbringen um sich die Studiengebühren überhaupt leisten zu können. Das ist eine Menge Zeit und Energie, die dann in das Studium gesteckt werden könnte. Ausserdem verteilt sich damit die Belastung der Finanzierung des kalifornischen Universitätsapparates gleichmäßig auf die Schultern der Absolventen. 46 Tausend Dollar Studiengebühren sind für einen Studenten mit einem Jahreseinkommen von 50 Tausend Dollar ein beinahe nicht aufzubringender Batzen, während der Millionärssohn (von denen es speziell hier im Silicon Valley eine ganze Menge gibt) sich die Finger reibt und vom Rest des Taschengeldes mit seinen Kumpels nach Tahoe zum Snowboarden fährt. So aber würden mit fünf Prozent des Jahreseinkommens alle Einkommensstufen gleich stark belastet.
Allerdings sollte man auch beachten, dass bei den meisten Menschen ohne Druck und aus der Freiwilligkeit heraus keine Leistung entsteht. Der Mensch an sich ist faul, mehr Freizeit durch weniger Not zur Arbeit führt nicht gleichzeitig zu mehr Quantität und Qualität beim Lernen. Freilich trifft das nicht auf alle Menschen zu, aber nach meinen eigenen Erfahrungen auf einen beachtlichen Großteil.
Ausserdem bedeutet dieser Vorschlag nach meiner Sicht keine tatsächliche Entlastung, sondern führt nur zu einer Aufschiebung der Belastung auf einen späteren Zeitpunkt. Fünf Prozent des Jahreseinkommens sind keine Kleinigkeit, die sich so nebenher bezahlen lässt, speziell wenn man bedenkt, dass die meisten Menschen hier auch bei einem Jahreseinkommen von 100.000 Dollar noch jammern, dass die Steuern, die Kosten für Energie, für (Kranken-)Versicherungen, für Zinsen und Kredite für das Haus und die Autos auch so schon kaum zu stemmen wären. Die Belastung durch eine zusätzliche, zwanzigjährige defakto-Steuer für das erhaltene Studium sollte also nicht unterschätzt werden.
Und dann wäre da noch der Verwaltungsaufwand, der den Universitäten mit all den Studenten entstehen wird, die nach Beendigung des Studiums es doch nicht mehr für eine so gute Idee halten, jedes Jahr fünf Prozent ihres Einkommens an die alte nervige Uni überweisen zu müssen…
Mal von ner ganz anderen Seite gedacht: Heute läuft es hier so, dass die Eltern von Geburt ihres Kindes an ein Sparschwein anlegen und während ihr Sprössling aufwächst kontinuierlich Geld auf die Seite legen um damit dem Rotzlöffel später das Studium finanzieren zu können. Nach der Umsetzung des Vorschlags wäre es dann so, dass die Eltern nach dem Studium zwar kein Sparschwein mehr anlegen müssen, aber dafür durch die selbst auferlegte Sondersteuer ihr eigenes Studium abbezahlen statt dem Nachkömmling das künftige Studium anzusparen.
Unterm Strich ändert das alles also eigentlich eh nichts.
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